Adresse
Markplatz 1
Lauterbach
Hessen
36341
Deutschland
Stadtgeschichte
Noch im 8. Jahrhundert war das heutige Vogelsberggebiet eine sehr menschenarme Gegend, in der es einige Klein- und Kleinstdörfer, bisweilen auch Einzelhöfe und Weiler gab. Wenige, kaum größere Orte nahmen zu dieser Zeit eine gewisse Mittelpunktfunktion ein – etwa Schotten, Schlitz und unser Lauterbach. In Lauterbach stand in dieser Frühzeit der Vogelsberger Zivilisationsgeschichte nicht nur schon eine Kapelle, sondern es gab auch einen Fronhof der Abtei Fulda und eine kleine Straßenburg. Hier wirkte ein Erzpriester aus dem Bistum Mainz und Lauterbach war Gerichtshauptort einer fränkischen Cent im Gau Wettereiba. Das kleine fuldische Dorf wuchs in der Folgezeit nicht wesentlich und blieb im Kontext der gesamtdeutschen Entwicklung ein unbedeutendes Nest. Erst am 16.03.1266 wurde dem Ort eine größere Zukunft beschieden. An diesem Tag wurde das fuldische Dorf vom Abt Bertho II. von Leipolz zur Stadt erhoben. Lauterbach hatte nicht nur seit längerem eine Mittelpunktfunktion, sondern unterstützte die Abtei wohl auch wirksam gegen die aufständische Ritterschaft unter dem Grafen von Ziegenhain. So schob sich die Stadt, die als Großburg mir starker Bastion nach Norden angelegt wurde, als Stützpunkt der Kirchenfürsten zwischen die einst aufständischen Ritterburgen Wartenberg und Eisenbach. Das agrarisch geprägte und nicht sonderlich wohlhabende Geschlecht derer von Wartenberg durfte in der Folge die Burg Lauterbach halb besetzen und hatte die halbe Vogtei, als Untervögte der Grafen von Ziegenhain, über die Stadt und ihr Centgericht inne. Die andere Hälfte verwaltete die Abtei selbst. Bald starben die Wartenberger im Mannesstamm aus und wurden von den Rittern von Eisenbach beerbt. Diese erhielten nicht nur die wartenbergische Hälfte von Stadt und Cent Lauterbach, sondern bekamen auch bald die fuldische Hälfte als Pfand in ihren Besitz. Dazu kam der ohnehin schon ansehnliche Allodialbesitz in Lauterbach und im Süd-östlichen Vogelsberg. Unter den Eisenbachern blühte die Stadt Lauterbach ein erstes Mal auf. Innerhalb der Ringmauern erhoben sich ein erstes Rathaus, eine Stadtschenke, Bürgerhäuser und eine neue gotische Kirche mit reicherAusstattung. Vor der Stadt siedelten sich freie Höfe an, der Wörth wurde allmählich urbanisiert, die Spittels-, die Högerichs- und die Ziegelmühle wurden angelegt. Die letztere gehörte der Herrschaft, wurde deshalb auch Eisenbacher Mühle genannt, und war über Jahrzehnte das einzige Profangebäude der Stadt, welches aus Stein errichtet wurde. Unter den Eisenbachern entsteht die erste Lauterbacher Trivialschule und das Stadtgebiet des 13. Jahrhunderts muss aufgrund des Bevölkerungszuwachses in der Mitte des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal erweitert werden: Eisenbachertor und Obertor sind die Zugänge des neuen, zweiten Mauerrings. Zudem bestehen neben der reichen Marienkirche noch die St. Wendels-Kirche vor dem Untertor und eine Minoritenterminei in der Nähe der Bußecke. Doch den Eisenbacher war das selbe Schicksal beschieden, wie den ihnen vorausgegangenen Wartenbergern. 1429 starben sie im Mannesstamm aus. Ihre Nachfolger sollten die Geschicke der Stadt über vier Jahrhunderte lang entscheidend prägen: Die Riedesel. Dieses uradlige, ritterbürtige Geschlecht nannte sich bald, legitimierend als Nachfolger der Herren von Eisenbach, Riedesel zu Eisenbach. Zunächst herrschten sie über fast den ganzen Vogelsberg, doch verloren im Verlaufe der Zeit in zahllosen Fehden und durch Pfandschaftseinlösungen die Städte Schotten, Herbstein, sowie Ulrichstein mit seiner wichtigen Festung. Lauterbach wurde im sogenannten Junkerland somit zum absoluten Mittelpunkt in ökonomischer, religiöser, kultureller und militärischer Hinsicht – auch wenn es über Jahrhunderte hindurch strittig zwischen den Riedesel und Fulda war. Vor dem Dreißigjährigen Krieg erlebte Lauterbach eine nächste Blüte. Neue Häuser großen Bürgerstolzes entstanden, ein neues Rathaus wurde errichtet, die Kirche wurde verbessert, die H.gerichsmühle gekauft und die Wehrmauern modernisiert. Freilich spielte auch die 1527 eingeführte Reformation eine große Rolle, deren bedeutendste Errungenschaft die Lateinschule hinter der Kirche war. Lediglich das Braumonopol, einer der wichtigsten ökonomischen Faktoren der Stadt, hatte seit dem 16. Jahrhundert vermehrt zu leiden: Die Riedesel setzten der Stadt das starke Gasthaus „Goldener Esel“ vor die Nase, in welchem das qualitativ bessere riedeselsche Bier ausgeschenkt wurde. Zur Katastrophe, welche nicht nur das Heilige Römische Reich deutscher Nation nachhaltig schädigte, sondern auch in Lauterbach ihren Tribut forderte, wurde der Dreißigjährige Krieg von 1618-1648. Zunächst dauerte es Jahre, bis die ersten schweren Kriegsereignisse auch Lauterbach berührten. Doch dann rissen die Einquartierungen von Soldaten in der Stadt nicht mehr ab. Waren die Truppen zu stark, oder drohten Hilfe zu holen, um die Stadt zu bombardieren, so öffnete man ihnen die Tore zur Verhütung größeren Schadens. Kleinere Vagabunden-Banden oder Armeen ohne großkalibrige Kartaunen, Mörser oder Hauptbüchsen konnte man an der Stadtmauer abwehren. Dafür war dann die Schützengesellschaft verantwortlich, die mit Armbrusten, Büchsen, Doppelhaken, Feldgeschützen, Kartelassen und allerlei Stabwaffen ausgestattet war. Der Dreißigjährige Krieg hinterließ letztlich eine klaffende Wunde in der Stadtkasse. Häuser waren heruntergekommen, die Äcker und Vorstädte waren verwüstet. Immerhin kam Lauterbach glimpflicher davon als Schlitz, Ulrichstein, Herbstein oder Alsfeld, welche durch starken Beschuss zum großen Teil zerstört wurden und beinahe brach lagen. In Lauterbach, wie auch sonst im Reich, erholte sich das Patriziat schneller von den Folgen des großen Krieges. Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts war der Lauterbacher Bürger Stamm Volckmar in der Lage einen immensen Zuschuss zur Wiederherstellung der Alsfelder Dreifaltigkeitskirche zu geben. Zudem stand seit 1684 das Land der Riedesel reichsrechtlich gesehen auf legitimer Grundlage und Lauterbach erhielt nun endgültig den Status der Haupt- und Residenzstadt des reichsunmittelbaren Ritterschaftsstaates. Damit wurde Lauterbach geistliches, kulturelles, ökonomisches und militärisches Zentrum eines relativ ausgedehnten Wirtschaftsgebietes am östlichen Vogelsberg. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts entstanden neue, stolze Bürgerh.user am Markt und in der Neustadt, hohe Beamtenhäuser der Riedesel säumten nun die Hintergasse – vor allen Dingen aber wurde die Burg zum Schloss ausgebaut, das neue Barockschloss Hohhaus wurde als landesherrlicher Stadtsitz errichtet und die neue Patronats- uns Stadtkirche wurde ab 1763 errichtet. Sie wurde mit der größten freitragenden Dachkonstruktion des mittleren hessischen Raums, einer der größten freistehenden Orgeln Hessens und vier verglasten Patronatslogen versehen, welche in ihrer Größe mit den kleinen Handwerkerhäusern der Vorstädte konkurrierten. Die sozialen Divergenzen innerhalb der Stadtbevölkerung waren insgesamt bis in das 19. Jahrhundert – nach Auflösung des Riedesellandes und Angliederung an das Großherzogtum Hessen – enorm. Am Graben unterhalb der Stadtmauer stehen heute noch kleine Fachwerkhäuschen der Handwerker nebst dem „Diehm´schen Kontor“ im Stile einer toskanisch-venezianischen Villa. Das 19. und beginnende 20. Jahrhundert – die Industrialisierung – wurde von drei prägenden Bürgermeistern begleitet: David Eifert, Theodor List und Alexander Stöpler. Unter ihnen brach zwar in der 48er Revolte auch in Lauterbach ein Sturm gegen die ehemalige Herrschaft los, doch hievten sie auch das alte, anachronistische Lauterbach in die Moderne. Unter Alexander Stöpler wurden gar erst um die Jahrhundertwende die Misthaufen vor den Häusern aufgegeben und durch eine Kanalisation egalisiert. Lauterbacher Bürger kämpften in allen drei großen Kriegen der Neuzeit – triumphierten 1871 in Frankreich und litten 1918 und 1945. Nach dem letzten Krieg spülte estausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach Lauterbach, die bald der Altbevölkerung zahlenmäßig gleichkamen. Mit ihnen, Menschen verwandten kulturellen Schlages, gelang der Wiederaufbau rasch. So glänzt Lauterbach auch noch im 21. Jahrhundert in vielen Facetten. Lauterbach ist Industrie-, Fachwerk-, Residenzstadt und auch eine Stadt im Grünen, die für jeden nach wie vor etwas bietet.
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